1. Erst die Steuer, dann der Markt: was den Abstand wirklich macht
Der Staat begünstigt Diesel: Die Energiesteuer beträgt 47,04 Cent je Liter Diesel und 65,45 Cent je Liter Benzin, ein Unterschied von 18,4 Cent netto oder rund 22 Cent mit Mehrwertsteuer (Energiesteuergesetz; Einzelheiten im Lexikon unter Energiesteuer). Wenn Diesel an der Zapfsäule trotzdem 16,3 Cent teurer ist, wie am 17. September 2026 (ADAC), dann liegt der reine Marktpreis von Diesel rund 38 Cent brutto oder gut 30 Cent netto über dem von Benzin. Der Abstand entsteht also nicht an der Tankstelle und nicht beim Finanzamt, sondern zwischen Raffinerie und Tanklager.
Das war lange anders. In normalen Jahren kostet Diesel in Deutschland wegen des Steuervorteils weniger als Benzin; dass er mehr kostet, gab es zuletzt im Herbst 2022, als Russlands Dieselexporte wegfielen. Der Tankrabatt ab dem 1. Oktober ändert am Abstand nichts, weil er beide Sorten um denselben Betrag entlastet (siehe Tankrabatt Oktober 2026).
2. Die drei Gründe
Erstens die Raffineriemarge. Aus einem Barrel Rohöl macht eine Raffinerie ein festes Bündel aus Benzin, Diesel, Kerosin und Schweröl; die Anteile lassen sich nur in engen Grenzen verschieben. Ist Diesel knapp, steigt sein Preis über den von Benzin, ohne dass mehr Diesel entsteht. Am 22. September 2026 kostete Gasöl an der ICE 1.452,50 Dollar je Tonne, umgerechnet mit dem üblichen Faktor 7,45 rund 195 Dollar je Barrel, gegen 99,80 Dollar für Brent (HeizOel24.at, 19:40). Der Abstand, der Diesel-Crack-Spread, liegt damit bei rund 95 Dollar je Barrel oder umgerechnet gut 50 Cent je Liter, bevor Steuern und Handel dazukommen.
Zweitens das Angebot. Russland, vor 2022 Europas größter Diesellieferant, hat sein Exportverbot für Diesel, Benzin und Kerosin bis Ende Oktober verlängert, nachdem Drohnenangriffe im September drei der sechs größten Dieselraffinerien gedrosselt oder gestoppt haben (Hydrocarbon Processing, 16. September). Die Golfstaaten exportieren fertige Produkte, und ihre Produktlieferungen durch Hormuz kommen langsamer zurück als das Rohöl (Bloomberg, 10. September). Benzin trifft das weniger: Die USA, der größte Benzinmarkt, produzieren ihren Bedarf selbst, und die US-Benzinlager lagen in der Woche zum 11. September mit 207,7 Millionen Barrel deutlich komfortabler als die Destillatlager mit 107,9 Millionen (DOE via HeizOel24).
Drittens die Nachfrage. Diesel treibt Lkw, Schiffe, Landmaschinen und Baustellen und ist chemisch dasselbe wie Heizöl; im Herbst kommt die Heizsaison dazu. Benzin hat seinen Nachfragegipfel im Sommer und fällt im Herbst. Dass der Abstand gerade jetzt Rekorde schreibt, liegt auch am Kalender.
3. Vier Länder, ein Muster
| Land | Diesel | Benzin | Abstand | Datum, Quelle |
|---|---|---|---|---|
| Deutschland | 2,471 €/L | 2,308 €/L (E10) | +16,3 Ct | 17.09.2026, ADAC |
| Frankreich | 2,41 €/L | 2,17 €/L (SP95) | +24 Ct | 20.09.2026, Hérault Tribune |
| Spanien (mit Bonus) | 1,829 €/L | 1,867 €/L (95) | −3,8 Ct | 22.09.2026, Motor16 |
| Spanien (ohne Bonus, rechnerisch) | 2,071 €/L | 1,928 €/L | +14,3 Ct | eigene Rechnung: +20 bzw. +5 Ct Steuer plus 21 % MwSt. (Motor16) auf die Preise vom 22.09.2026 |
| USA | 6,53 $/gal | 4,48 $/gal | +2,05 $ (+46 %) | 22.09.2026, AAA |
Spanien zeigt, wie stark Politik das Bild verzerrt: Dort ist Diesel an der Zapfsäule noch billiger als Benzin, aber nur, weil der Staat seit dem 1. September 20 Cent auf Diesel und 5 Cent auf Benzin zuschießt (El Español). Läuft der Bonus am 30. September aus, dreht sich das Vorzeichen; Motor16 rechnet mit bis zu 24 Cent Aufschlag am 1. Oktober. In den USA, wo Diesel steuerlich nicht begünstigt wird, ist der Abstand am größten und Diesel auf einem Allzeithoch (AAA). Die Prognose für Deutschland steht unter Spritpreise Prognose.
4. Wann schließt sich der Abstand wieder?
Die EIA erwartet für die USA einen Abstand von 1,60 Dollar je Gallone im vierten Quartal 2026 (Diesel 5,55, Benzin 3,95 Dollar) und von 1,05 Dollar im Jahr 2027 (4,40 gegen 3,35 Dollar); das ist ein kleinerer, aber immer noch ungewöhnlich großer Abstand (STEO, 9. September 2026). Die Voraussetzung dafür ist eine Normalisierung von Hormuz im zweiten Quartal 2027 und ein Wiederaufbau der Destillatlager, die über weite Strecken des Jahres 2027 unter dem Fünfjahrestief bleiben sollen.
Für Europa gibt es keine vergleichbare amtliche Prognose. Drei Dinge würden den Abstand schneller schließen: Russlands Raffinerien laufen wieder und das Exportverbot fällt; die Produktlieferungen aus dem Golf normalisieren sich nach einer Öffnung der Meerenge (siehe Hormuz-Öffnung: drei Szenarien); und der Winter geht zu Ende. Bis dahin gilt: Wer die Wahl zwischen Diesel- und Benzinfahrzeug hat, rechnet mit dem Abstand von heute, nicht mit dem von 2019. Mehr zur Knappheit selbst unter Dieselknappheit Winter 2026/27.
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